Möbelanfertigung vor der Industrialisierung

Möbeltischler und Zünfte vor 1850

Biedermeier – schon der Name projiziert Bilder von bürgerlicher Behaglichkeit und vom Rückzug ins Private.  Bilder, die allerdings häufig mit einem gehörigen Quantum belächelter Spießigkeit einhergehen. Denn das offen zutage tretende politische Desinteresse, auch und gerade der einflussreichen Bürger in der Zeit von 1815 bis ungefähr 1848, wird stets mit dem Zeitgeist des Biedermeier verbunden.

Möbelanfertigung vor 1850 – die Schreinerzunft  im Umbruch

Weniger bekannt ist dagegen, wie viele Veränderungen es in dieser Zeit besonders in den Bereichen Handwerk und Wirtschaft gab. Dies gilt ganz besonders für das Schreiner- oder Tischlerhandwerk, das sich spätestens seit der napoleonischen Herrschaft zu Beginn des 19. Jahrhunderts einem schnellen und unwiderruflichen Wandel ausgesetzt sah, an dessen Ende der Niedergang des Zunftwesens stand. Einem Wandel, der auch einherging mit einer ganz den bürgerlichen Werten des neuen Mittelstandes verbundenen Bevölkerung. Mehr Menschen genossen einen gewissen Wohlstand, der allerdings nicht mehr in großen Palästen seinen repräsentativen Ausdruck fand, sondern in kleinere, bürgerliche Wohnzimmer Einzug hielt. Dazu passten deshalb auch weniger wuchtige und dafür zweckmäßige Möbel, die noch dem Empire-Stil verpflichtet waren, aber ihrer formschönen, perfekten Handwerkskunst wegen zum Symbol der bis heute hoch geschätzten Möbelkunst des Biedermeier wurden.

Behaglichkeit und höchste Handwerkskunst in trauter Einheit

Beeinflusste der Klassizismus die Monumentalbauten dieser Zeit, so prägte der elegante, schlichte Stil des Biedermeier die Innenarchitektur – das Intérieur – nicht nur der bürgerlichen Wohnzimmer. Die ersten Möbel aus der Biedermeierzeit entstanden in Wien, wobei auch die beginnende „Arts and Crafts“-Bewegung in England Pate stand. Denn dort, wo die Industrialisierung viel rascher voran schritt als anderswo in Europa und es auch bei der Möbelfertigung und bei der Herstellung von Gebrauchsgegenständen bereits Massenware gab -  eben dort entstand eine Oppositionsbewegung, die sich ganz bewusst auf Werte wie solide handwerkliche Qualität und Materialgerechtigkeit zurück besann. Schreiner, die im Biedermeierstil Möbel fertigten, übernahmen die Vorlieben der Arts and Crafts-Bewegung und entschieden sich ebenfalls für klare, einfache Formen sowie ein puristisches Dekor, das mit praktikabler Funktionalität einhergehen sollte. Möbeltischler oder –schreiner nannte man auch Ebenisten – ein Wort, das sich vom französischen „ébène“ - deutsch "Ebenholz" - ableitet. Dabei handelt es sich um ein besonders edles Holz; wer es bearbeiten wollte, musste sich ausgezeichnet auf die hohe Kunst der Möbelschreinerei verstehen.
Die Hersteller der Biedermeier Möbel achteten auf große, glatte Holzflächen, die eine intensive Wirkung der Holzmaserung ermöglichten. Besonders schön gemaserte Hölzer wurden zu Furnieren verarbeitet. Ausdruck höchster Handwerkskunst war dabei die spiegelbildliche Anordnung der Holzmaserungen. Je nach Region unterschieden sich in der Biedermeier-Zeit die Vorlieben für bestimmte Hölzer: In Süddeutschland verwendeten die Möbeltischler häufig Nussbaum und Kirschbaum, wohingegen in Norddeutschland eher Birke und Mahagoni verarbeitet wurden. Die vormals alles dominierenden, wuchtigen Wandschränke wurden dabei abgelöst von sorgfältig mit Intarsien versehenen Kleinmöbeln, hauptsächlich Sekretären und Kommoden. Aber auch filigran ausgestaltete Nähtischchen zählten zu den beliebtesten Möbelstücken der Biedermeierzeit.  Den Mittelpunkt des bürgerlichen Wohnzimmers bildete ein blank polierter, ebenfalls aus wertvollen Hölzern gefertigter und häufig mit Intarsien verzierter großer Esstisch – rund oder oval – ergänzt um elegante Biedermeierstühle mit geschweiften Beinen, durchbrochener Lehne mit Rosshaarpolsterung, die mit Stoffen in freundlichen Farben bezogen waren. Auch die Servante, eine Vitrine, die an drei Seiten verglast und deren Rückwand verspiegelt war, gehörte zu den beliebtesten Möbelstücken des Biedermeier. Edle Gläser, Tassen und Figuren konnten darin präsentiert werden, ohne einzustauben.

Vom Zunftmeister zum Möbelfabrikanten – die Entwicklung der Möbeltischlerei

Noch Ende des 18. Jahrhunderts waren fast alle Schreiner und Tischler fest in ihre Zunft eingebunden – mit allen Rechten, aber auch mit allen Beschränkungen. Das bedeutete, sie mussten sich an die strenge Ordnung ihres Zunftmeisters halten, ihre Gesellenausbildung nach genau festgelegten Vorgaben durchlaufen und konnten nur dann einen Meisterbrief erwerben, wenn der Zunftmeister zustimmte – und sie selbst einen meist sehr erklecklichen Betrag für die Meisterwürde an die jeweilige Zunft bezahlen konnten. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts forderte dann jedoch die aufkommende Liberalisierungsbewegung tiefgreifende Reformen und damit verbunden die vollständige Gewerbefreiheit, womit das Recht eines jeden Bürgers, jedes Gewerbe auszuüben, gemeint war – ohne obrigkeitsstaatliche oder zunftmeisterliche Ge- oder Verbote.
Gegen Ende des 18. Jahrhunderts arbeiteten bereits viele Schreiner außerhalb der Zunftinnungen. Sie verfügten in der Regel nicht über das jeweilige lokale Bürgerrecht und wurden auch „unzünftige“ oder „unbefugte“ Schreiner genannt. Häufig wurden sie aber stattdessen von den jeweiligen Landesherren zum „Freimeister“ ernannt und als Hoftischler beschäftigt. Sie galten als „hofbefreit“, verfügten über eine kostenlose Wohnung und erhielten ein regelmäßiges Jahreseinkommen. Als sich immer mehr Kaufleute in den Handel mit hochwertigen Möbeln einschalteten, gründeten und führten einige Schreiner zu Beginn des 19. Jahrhunderts in den Städten gemeinsame Möbelmagazine. In Deutschland wurde die Gewerbefreiheit flächendeckend erst 1850 eingeführt, in Österreich 1859, wohingegen Preußen bereits 1818 vollständige Gewerbefreiheit gewährte.

Schreinerhandwerkskunst im Biedermeier – verdeutlicht am Beispiel von Joseph Danhauser senior

1814 gründete der Bildhauer Joseph Ulrich Danhauser die Danhauser’sche Möbelfabrik, wofür er eine Landesfabrikbefugnis erhielt und so alle Arbeiten ausführen konnte, die einen Bezug zur Innenarchitektur hatten. Darunter fiel nicht nur die Herstellung von Möbeln, sondern auch deren Tapezierung sowie Gürtlerarbeiten – damit ist die Herstellung von Metallbeschlägen gemeint – Beleuchtung, oder auch das Anbringen von Vorhängen oder Draperien. Das Mobiliar aus der Danhauser’schen Möbelfabrik weist alle bis heute geschätzten Charakteristika biedermeierlicher Handwerkskunst auf und fand schon bald als „Wiener Möbelstil“ weit über Wien hinaus Käufer und Bewunderer. Seine Möbel verbinden auf harmonische Art und Weise Abstraktion und Gegenständlichkeit sowie Formgefühl und Funktionalität. Darüber hinaus gestalten sie den harmonischen Einklang von individueller Wertschätzung und übergreifender, epochaler Stilbildung.
 

Die wichtigsten gestalterischen Charakteristika der Möbel

•    Formschön aus edlen Hölzern gefertigt
•    Meisterliche Handwerkskunst mit praktischem Nutzwert
•    Klare, einfache Formen, ergänzt durch puristisches Dekor
•    Elegante, schwungvolle Linien
•    Kunstvolle Intarsien
•    Große, glatte und glanzende Holzflächen mit schöner Maserung
•    Nussbaum, Kirschbaum, Mahagoni und Birke – die beliebtesten Hölzer
•    Biedermeier Esstisch mit Stühlen, Vitrinen, Sekretäre und Kommoden – Kleinmöbel dominieren    die bürgerliche Welt der Biedermeierzeit


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